Völlig verausgabt
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"Bilder der Arbeit- eine ikonografische Anthologie" von Klaus Türk - ein opulenter Band, der dennoch viele Wünsche offen lässt
Imponierend, die erste Begegnung: Mehr als 1800 Gramm wiegt diese "Ikonografische Anthologie", 30000 Bilder aus tausend Jahren sind dafür erfasst worden, 1500 kann man davon besichtigen. Und das Thema von Klaus Türks Buch "Bilder der Arbeit" liegt wissenschaftlich seit den zwanziger Jahren brach. Bedenkt man überdies, wie radikal sich die "Arbeitsgesellschaft" (Hannah Arendt) in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat, so schnell und radikal nämlich, dass vielen Zeitgenossen, selbst etlichen Gewerkschaftern Hören und Sehen vergangen ist, kommt dieses Buch gerade zur rechten Zeit. Um sich selbst zu vergewissern?
Machen wir diesen Wandel an einem Beispiel aus den Zeiten der industriellen Revolution fest. 1913 notiert der niederländische Maler Herman Heijenbrock nach der Lektüre von Stanley Lees "Voice of the Machines" (1906): "O wundersames Menschenwerk der Kathedralen der Industrie, ihr wollt keine Schönheit und seid dem Undank zum Trotz schöner als alle Besinnlichkeit." Die hier besungenen dampfenden, rußigen, molochhaften Bauten tragen heute, nach ein paar Jahrzehnten Unterbrechung, abermals den anbetungshaften Titel "Kathedralen" - im Ruhrgebiet, im Saarland, in Hamburg, aber als Museen oder als denkmalgeschützte steinstählerne Herbergen für Kunst-Events.
"Bilder der Arbeit" aus etwa tausend Jahren: Kann ein Band die überhaupt signifikant versammeln, kann sie ein Autor überhaupt deuten, und wie wird er sie deuten? Der Soziologe Klaus Türk (Professor an der Bergischen Universität-Gesamthochschule Wuppertal) ist sich dieses Problems bewusst. In der Einführung definiert er, seine ikonografische Anthologie sei "weder eine rein spezialwissenschaftlich-soziologische Untersuchung, noch ein reiner Dokumentationsband, noch eine Sozial- und Kulturgeschichte der Arbeit, noch eine kunstwissenschaftliche Analyse eines speziellen ikonografischen Feldes, noch ein bloßer Band mit vielen bunten unterhaltsamen Bildern". Was ist das Buch dann? "Von allem diesen jeweils etwas", bekennt er, und da liegt genau das Problem.
Eigentlich müsste zunächst gefragt werden, was denn Arbeit ist. Ist sie, wie Friedrich Engels meint, die "erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens"? Oder ist sie - ebenfalls sehr weit gefasst - "die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft als zweckmäßige, bewusste Tätigkeit des Menschen"? War der Minnesänger ein Arbeiter? Türk geht wort- und bildlos darüber hinweg. Waren die Huren, die nach 1918 und im ersten Drittel dieses Jahrhunderts die vielen gemalten Bordsteinkanten, Cafés und dürftigen Stuben bevölkerten, Arbeiterinnen? Türk zeigt lediglich Hans Rilkes Litho "Menschenware" (1921), verbunden mit dem Hinweis auf die "Unterwerfung unter die Zeit-, Verwertungs- und Organisationsimpera-tive der kapitalistischen Produktionsweise". Breitere Beachtung finden hingegen "in den Rinnstein der Gesellschaft" Geschleuderte wie Otto Dix´ invalider "Streichholzhändler" (1920), ohne Arme und Beine wohl eher ein Bettler als ein Arbeiter.
Grundsätzlich betrachtet, scheint Türk zuallererst die Schaffenden, nicht die Anschaffenden, im Blick gehabt zu haben. Die, die da über Jahrhunderte hackten, pflügten, säten, ernteten, spannen, nähten, wuschen und bügelten, webten, schmiedeten, bauten, zogen und schürften. Diese "Genealogie (Foucault) moderner Arbeit" hat von dem im Buch abgebildeten Kalendarium der Landarbeit aus dem Jahr 809 an jede Menge müder Hände, gesenkter Köpfe, zerfurchter Gesichter und Arbeitskämpfe produziert. Hier leistet das Buch Großes. Was in den Köpfen der Künstler wie der Kunstgeschichtler vorging - Theoretisches, Phänomenologisches -, bleibt im Buch allerdings ziemlich unterbelichtet. Zwei Beispiele für dieses Manko: Camille Pissarro - bei Türk mit "Der Pflug" und "Ährenleserinnen" vertreten - war eben längst nicht der landschaftsverbundener "Kohlkopfmaler", sondern ein Kopf, der von einer starken ästhetischen wie weltanschaulichen Resonanz auf industrielle Errungenschaften beherrscht war.
Zweites Beispiel: Fritz Zolnhofer ist bei Türk mit drei Abbildungen vertreten. Ein Problem eigenartiger Gewichtung, wenn man um den Schwenk des Malers von Kohle- und Stahlarbeitern hin zur Nazi-Kunst weiß. Das hätte zumindest erwähnt werden können, zumal ein abgebildetes Aquarell ("Nach dem Abstich") 1941 in das Münchner Haus der Technik wanderte und das Kapitel über die Nazi-Kunst unmittelbar folgt. Die Frage nach Gewichtungen stellt sich oft. Es kann in diesem Buch natürlich vorrangig nicht darum gehen, Kunstkritik zu üben, doch einsichtig ist es nicht, warum etwa Bernhard Hoetgers Zyklus "Dur Labeur" oder Sella Hasses "Rhythmus der Arbeit" vollständig und über Seiten hin abgebildet werden, anderes Bildmaterial auf Briefmarkengröße verkleinert worden ist und ganze kunstgeschichtliche Kapitel zu Plattheiten schrumpfen, so "Ein Blick in die DDR".
Türk stellt die These auf, in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts erlösche das Interesse am gemalten Arbeitsbild. Wohl wahr. Der gewachsene Stellenwert der Fotografie - seit Anfang des Jahrhunderts ein konsequenter Dokumentationsfundus des Arbeitsbilds - und die Videokunst mussten aus Platzgründen wohl ausgespart werden. Vermutlich wäre der Eindruck ein anderer.
"Dieses Buch ist eigentlich unmöglich", heißt es in der Einleitung. Klaus Türk hat das Unmögliche versucht, wobei das Ergebnis opulent ist, aber viele Wünsche offen lässt. Es gibt nichts dergleichen, es gibt vor allem nichts Besseres. Also hat man auch einen an Substantivierungen überladenen Text in Kauf zu nehmen, wonach das Buch eigentlich mindestens 4000 Gramm auf die Waage bringen müsste: "Die Ein- und Unterordnung gesellschaftlicher Sachverhalte anhand vorgefasster Kategorien, die aus der Gegenwart stammen, führt nie zur Aufdeckung des Selbst-, sondern immer nur des Fremdverständnisses (des Beobachters) einer historischen Gesellschaft." So was nennt der Leser Schwerstarbeit.
Burkhard Baltzer
Bilder der Arbeit - Eine ikonografische Anthologie von Klaus Türk, Westdeutscher
Verlag, Wiesbaden, 2000, 400 Seiten, 1500 Abbildungen, gebunden, 148 DM.