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Arbeit am Selbst 

Im Mittelpunkt der großformatigen Bilder der Arbeit steht die Präsentation der Bilder, während dem Text eine kommentierende und erläuternde Aufgabe zukommt. Der Band präsentiert fast 1400 Bilder aus dem Archiv des Autors. Außer der Fotografie wurden alle Techniken der bildenden Kunst aufgenomen, Bleistiftskizzen und Druckgrafiken ebenso wie Gemälde, Fresken und Plastiken. Das Buch dokumentiert den Zeitraum vom Mittelalter bis heute: Abbbildungen aus frühneuzeitlichen Ständebüchern, monumentale Arbeiten der Industriemaler des 19. Jahrhunderts, Werke der Expressionisten, Darstellungen des "reflexiven Realismus" Roy Lichtensteins und ebenso die Kunst der deutschen Nachkriegszeit. Neben "klassischen Arbeitsformen" werden auch Arbeitsprozesse im häuslichen Bereich sowie Erwerbslosigkeit und Arbeitskampf behandelt.

Auf der Grundlage dieser weiten Definition von Arbeit gelingt es dem Autor, die Heraus-Bildung des modernen Arbeitsbegriffs aufzuzeigen. Es wird anschaulich, wie Arbeit aus einem übergreifenden sozialen und familialen Zusammenhang herausgelöst und in spezialisierten Gebilden der Arbeit organisiert wird: den Arbeits- und Zuchthäusern, Manufakturen und Fabriken. Den abstrakten Prinzipien von Kraft, Disziplin und Produktivität - oft allegorisch dargestellt - kommt dabei die Rolle gesellschaftlicher Vor-Bilder zu. Arbeit soll eine spezifisch männliche Produktivkraft sein, die sich von der natürlichen weiblichen Fruchtbarkeit abhebt, sie wird zur "Arbeit an sich" - in einem doppelten Sinne. Zunächst als abstrakte Arbeit, die von konkreten Zielen und moralischen Beschränkungen entbunden ist - eine zentrale Voraussetzung der modernen Lohnarbeit. Dann meint "Arbeit an sich" aber auch die permanente Notwendigkeit einer Selbstformierung und -optimierung, die aktive Ordnung des Selbst: Arbeit gilt als Ausweis der Tugendhaftigkeit, sie erfordert eine Disziplinierung des Körpers, eine Schematisierung und "Zivilisierung" des Verhaltens und den Zwang zur "Selbstbeherrschung". 

Die in dem Band versammelten Bilder gehen allerdings über die Illustration des Faktischen hinaus. Sie bilden nicht nur einen vorgefundenen Gegenstand ab, sondern sind selbst Momente der Konstruktion gesellschaftlicher Realität, indem sie diese interpretieren, reflektieren oder kritisieren. Damit tragen sie zur Bildung und Verstärkung herrschender Diskurse bei oder beteiligen sich daran, uns über diese aufzuklären. So werden die Kämpfe um Ideologien und Deutungsmuster sichtbar, bei denen Arbeit einerseits als Tor zu Freiheit, Wohlstand und Glück und andererseits als Herrschaft, Armut und Ausbeutung erscheint. Damit ist das Buch auch ein Beitrag zu einer Diskursgeschichte der Arbeit. 

THOMAS LEMKE

Klaus Türk: Bilder der Arbeit. Eine ikonografische Anthologie. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2000, 400 S., 148 DM.