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Teils rußig, teils blank

Klaus Türk hat eine Arche Noah der sichtbaren Arbeit zusammengetragen

VON CLAUDIA SCHMÖLDERS

 

Ein Glücksfall ist anzuzeigen, ein Wunderwerk an Schaulust, Kenntnis und Fleiß. Wir wollen gar nicht danach fragen, wie viele Jahre es gekostet haben mag, die dreißigtausend Bilder zum Thema «Arbeit» zu sammeln, aus denen Klaus Türk hier eine Auswahl von eintausendfünfhundert zeigt, und wie viel kunsthistorische Rundblicke nötig waren, um nahezu jedes zu kommentieren. Rund tausend europäische Jahre werden repräsentiert, und die Gliederung des Materials ist überzeugend. Sechs Kapitel zeigen «paradigmatische Arbeiten» wie Landbestellung, Textilarbeit, Schmiede, Bauarbeit, Tragen und Ziehen. Drei Kapitel schildern den Werdegang der Industrie von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1918; ein Kapitel konzentriert sich auf einen «Kampf der Bilder» im Pro und Contra der Ideologien, die beiden letzten Kapitel setzen amerikanischen Realismus mit deutsch-deutschen Industriebildern von 1945 bis heute nebeneinander. Alles zusammen ergibt eine Arche Noah der sichtbaren Arbeit, des sichtlich tätigen, säenden, webenden, hämmernden, ziehenden, stampfenden, stemmenden Menschenmannes, nicht immer proper, wie in den frühen Holzschnitten, sondern, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, zunehmend auch erschöpft, abgemagert, verzweifelt.
Das Paradox wird handgreiflich, wonach ausgerechnet die Höchstleistungen der technologischen Hirne, wie die Entdeckungen im Gebiet der Physik, der Genomforschung, der Nanometrie praktisch keine eigene Haltung, Gebärde oder Mimik mehr haben. Wer am Computer sitzt, könnte genauso gut an der Börse handeln wie Pornografie sehen oder Briefe lesen. Selbst die gewaltige Anstrengung des Autors Türk, der dieses Buch weitgehend selber am Computer produziert hat, ließe sich nicht mehr sichtbar machen. Eine ikonografische Anthologie der Arbeit wie diese handelt mithin von der «Antiquiertheit des Menschen», die Günter Anders schon in den fünfziger Jahren beklagte, übrigens damals schon mit dem Hinweis, dass das Design der maschinellen Kraftentfaltung unseren physiognomischen Sensus kastriert.
Wo immer man Türks Anthologie aufschlägt, liest und sieht man sich fest und ahnt Querverbindungen. Beim Thema Handwerk findet man nebeneinander die Ständebücher von Jost Amman (1568) und Christoph Weigel (1698): kleine Enzyklopädien der Gesamtgesellschaft von damals, die tätige wie auch scheinbar untätige, weil herrschende Personen der Drei-Stände-Ordnung bis hin zum «Leichenbitter und Todtengraber» zeigen, alle in charakteristischer Umgebung, Haltung und Kleidung. Das enzyklopädische Motiv wiederholt sich in der in der Aufklärung; nur ist Diderots und D'Alemberts großes Tafelwerk dann auf  Wissenschaft und Produktion beschränkt.
Andere Bildwelten/Weltbilder öffnen sich wiederum in der «Apotheose der Industrie um 1900». Bilder von Vogel, Tardieu, Puvis de Chavannes u. a. zeigen Muskelmänner, teils rußig, teils blank, in jedem Fall aber homolog zu den muskulösen Lichtgestalten des zeitgleich aufkommenden Arierkultes. Beide zusammen bilden Vorspiele zum Futurismus, zum Mensch-Maschinen-Kult, zum neuen Sowjetmenschen, zu Ernst Jüngers «Arbeiter». Die hoffnungsvoll technokratische Linie - gezeigt an Bildern von Nerlinger, Völker, Seiwert, Tschinkel und Hoerle - führt zu den gigantischen Wandgemälden des Amerikaners Thomas Hart Benton («American Today Murals», 1930) und zu Diego Riveras Detroit-Industry-Fresko von 1933.
Dass dem Mexikaner Rivera, Erzkommunist und Ehemann der Frida Kahlo, ausgerechnet das Ford-Imperium als Auftraggeber dienen mochte, erklärt Türk mit den utopischen Hoffnungen, die sich der Maler damals noch gemacht habe. Wie viele der positiv anmutenden Bilder vom industriellen Leben deshalb so wirken, weil es Auftragsarbeiten sind, sagt Türk nicht. Aber er verschweigt auch nichts Gegenläufiges. Wer weiß noch, dass wir Alfred Hrdlicka einen 22-teiligen Zyklus «Der Mensch in seiner Arbeitswelt» aus dem Jahre 1955 verdanken?
Klaus Türk ist Professor für Soziologie an der Universität Wuppertal. Schwerpunkt seiner Arbeit ist «Organisation», und auch die vorliegende, gigantische Visualisierung der Arbeitsweltgeschichte folgt diesem Interesse. Er hat von allen Modi des Blicks am liebsten den Über-Blick, die Synopse; und dieser synoptische Auftrag wird weitgehend erfüllt. Laien und Fachleute werden dem Autor danken, dass diese «ikonografische Anthologie» auch noch ein alphabetisch geordnetes Künstlerverzeichnis enthält, dass ein Ausstellungskalender von 1912 bis 1998 das Buch begleitet und eine gedrängte Übersicht zu Beginn die wesentlichen historischen Einschnitte auch für eilige Leser markiert. In einem Unternehmen wie diesem nach Lücken zu suchen, wäre kleinlich. Es ist singulär und das erste seiner Art; es kann Kunst- und Kulturwissenschaftler, Ökonomen, Unternehmer und jeden interessierten Laien begeistern. Und es verrät, dass der Autor noch Mensch geblieben ist, dass er ein Leben jenseits der Arbeit für möglich hält. Schließlich danken wir ihm ein eigenes Kapitel über die «Arbeitspause ».

Quelle: Literaturen 02/2001, S. 62-63.